Russland, der Westen und Afghanistan – und die Ukrainekrise

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[Von Christian Wipperfürth] Russland war 2001/2002 womöglich der wichtigste Verbündete der USA im Afghanistankrieg. Es unterstützte die USA, Basen in Zentralasien einzurichten, stellte Washington umfangreiche Geheimdiensterkenntnisse zur Verfügung und nutzte seine engen Verbindungen zu den Gegnern der Taliban innerhalb Afghanistans (der sogenannten Nordallianz), sodass die USA und ihre Verbündeten innerhalb kurzer Zeit die Taliban in den Untergrund bzw. ins Exil zwingen konnten.

Russland hat ein geradezu existenzielles Interesse an einem stabilen Afghanistan: Die russisch-kasachische Grenze ist mit etwa 7.000 km die mit weitem Abstand längste Landgrenze der Welt und letztlich nur unvollkommen zu kontrollieren. Ein islamistisch beherrschtes Afghanistan droht erhebliche Rückwirkungen auf Zentralasien zu haben. Und somit auf vielfältige Weise auch auf Russland.

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Nach 2003 gerieten Washington und Moskau immer wieder aneinander, wofür sich beide die jeweils andere Seite verantwortlich machten. 2005 kommentierte Russland die anhaltenden und zunehmenden Probleme des Westens in Afghanistan mit einer gewissen Schadenfreude. Diese legte sich schnell. Dem Kreml ist bewusst, dass ein Scheitern des Westens in Afghanistan für Russland größere Sicherheitsprobleme heraufbeschwört als etwa für die USA oder auch Deutschland. (S. hierzu: http://www.cwipperfuerth.de/2013/10/afghanistan-was-russland-fur-die-zukunft-erwartet/)

Darum machte Moskau seit 2006 sehr deutlich, an der Stabilisierung Afghanistans auf indirekte aber substanzielle Weise mitwirken zu wollen. Deutschland war dies seit langem bewusst, denn seit 2003 arbeiteten Berlin und Moskau eng zusammen, um den deutschen Nachschub für die Truppen in Afghanistan sicherzustellen. In Brüssel, London und Washington wurden die zunehmend lauteren Signale aus Moskau, die Kooperation auszubauen, aber überhört. Noch im Februar 2008 veröffentlichte die „International Crisis Group“ eine ausführliche Afghanistanstudie. (http://www.crisisgroup.org/~/media/Files/asia/south-asia/afghanistan/145_afghanistan___the_need_for_international_resolve.pdf) Die „Crisis Group“ ist nicht irgendeine politikberatende Einrichtung, sie gilt als „der maßgebliche Ansprechpartner für Regierungen (…) oder die Vereinten Nationen oder die Europäische Union“ hinsichtlich der Krisenregionen der Welt. (http://de.wikipedia.org/wiki/International_Crisis_Group) In der Studie wurde z.B. Pakistan 24 Mal erwähnt und der Iran 15 Mal, Deutschland neun Mal. Tadschikistan und Usbekistan, im Norden gelegene Nachbarn Afghanistans (und Partner Russlands), waren jedoch keiner Nennung wert. Russland wurde ein einziges Mal erwähnt, eher beiläufig. Die Autoren der Studie schienen davon auszugehen, dass Afghanistan im Norden an das Polarmeer grenzt.

2009 reagierten NATO-Vertreter sehr überrascht, dass Russland zu einer Kooperation bereit ist. Es setzten erfolgreiche Verhandlungen ein.

Die damalige US-Außenministerin Clinton vollbrachte im Oktober 2011 gleichwohl das Kunststück, Russland in dem zentralen programmatischen Artikel zu Asien nicht einmal zu erwähnen. (http://www.foreignpolicy.com/articles/2011/10/11/americas_pacific_century) Dabei hätte ein kurzer Blick auf den Globus verraten, dass Russland nicht nur Europas, sondern auch Asiens größtes Land ist. Zudem spielte Russland mittlerweile eine nicht nur zentrale, sondern zudem offensichtliche Rolle für Afghanistan. 2009 wurden 40% des westlichen Transits für Afghanistan über russisches und zentralasiatisches Territorium transportiert, 2011 waren es 75%. Der Anteil ist in den vergangenen beiden Jahren etwas zurück gegangen: Nachdem sich die US-Außenministerin Mitte 2012, sieben Monate nach einem US-Hubschrauberangriff auf pakistanische Soldaten innerhalb Pakistans entschuldigt hat (bei dem 24 Menschen getötet wurden), konnte der Transit über Pakistan wieder reibungsloser verlaufen.

Gleichwohl hat Russland auch in den vergangenen beiden Jahren eine zentrale Rolle für den Afghanistantransit gespielt. Nunmehr handelt es sich vor allem um den Transport von Soldaten und Gerätschaften aus dem Land heraus. Die logistische Herausforderung ist gewaltig. Dieser Transit läuft nach wie vor, trotz der scharfen westlich-russischen Spannungen wegen der Ukraine. Der Kreml hat nicht einmal angedeutet, den Transit auch nur zu behindern, geschweige denn zu unterbrechen.

Leider sind zwei andere Projekte der Zusammenarbeit mit Russland von der NATO beendet worden: Russland hatte bereits 2006 im NATO-Russland-Rat das Angebot gemacht, gemeinsam afghanische Antidrogenkräfte auszubilden. Die NATO ging darauf ein, hat dieses erfolgreiche Projekt, in dem viele hundert Spezialisten ausgebildet wurden, aber in diesem Frühjahr beendet. Die afghanischen Sicherheitskräfte können seit diesem Frühjahr, anders als in der Vergangenheit, auch nicht mehr darauf bauen, russische Hubschrauber zu erhalten.

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.