russland.COMMUNITY: Russland und USA – ein sehr persönlicher Vergleich

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[Von Anke Fabian] Neulich fragte mich eine russische Freundin nach dem Unterschied zwischen Russland und USA. Das ist sehr einfach, antwortete ich ihr. Die Amis haben schlicht die bessere Selbstvermarktungsstrategie. Sie wollte mehr wissen und ich holte aus.

Mindestens über zwei Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg kursierte in Deutschland der Satz „Die Russen kommen.“ Wie wann und warum wurde nie näher erläutert, klar war aber unterschwellig, dass es wohl nicht gut wäre, wenn die kämen.

Wer stattdessen wirklich kam, das waren die Amis. Sie kamen mit ihren Freiheitsparolen, ihren Verlockungen und Geschichten „vom Tellerwäscher zum Millionär“, ihren Farben, ihrer Musik, ihren Tänzen und verrückten Moden, mit tollen Geschichten von tollen Kerlen und noch tolleren Frauen, mit viel Schwung und mit einem positiven Denken und einer Leichtigkeit des Seins, das den obrigkeitshörigen Deutschen an sich stark verunsicherte, er der Verlockung aber dankbar mit der nächsten Generation folgte, weil so die Last der eigenen Schuld besser gedeckelt werden konnte. Die Amis gingen als die durch, die die Demokratie erfunden und für sich gepachtet hatten, alles war hip, was von dort kam und es war stets etwas Besonderes, in USA gewesen zu sein. Hier werden Träume bedient. Dass Träume überwiegend Schäume sind spielte absolut keine Rolle. Die Amerikaner waren die Retter durch die Luftbrücke in Berlin. Wie hoch der Preis dafür sein sollte bedachte niemand bzw. dieses Wissen war nur einer kleinen Schar Eingeweihter bekannt und ehrlicherweise interessiert sich dafür auch bis heute nur eine Minderheit.

Russland dagegen wurde stilisiert als Bär. Der ist zum einen gemütlich und tapsig, zum anderen groß, mächtig und stets gefährlich. Nicht zu Späßen aufgelegt auf jeden Fall. Nicht leichtgängig. Etwas, wovor man sich hüten sollte. Ja Der Russe schlechthin galt zwar als gebildet, vorzugsweise aber als ansonsten kalt, dunkel, versoffen, arm, unterdrückt und ideologisch. Im Kalten Krieg blieb nichts unversucht, den Dämon des Riesenreiches zu bedienen.

Schauen Sie sich die beiden kurz gemalten Bilder an? Welches würden Sie wählen? Wer kann sich dem schönen Schein entziehen und wählt freiwillig das Dunkel? Wem was nützt und welche größeren Ideen oder gar Strategien hier oder dort dahinter stecken mögen, ist nur für wenige bedeutend. Wer kennt schon „Die Kehrseite der USA“ – ein selten erhellendes Werk eines Soziologen der Frankfurter Schule, das lange auf dem Index stand. In diesem Werk wird allzu deutlich, was Amerikaner unter „Demokratie“ verstehen.

Ich hatte Glück. Meine bildungshungrige Mutter war begeistert von Dostojewski und Tschaikowski und legte großen Wert darauf, dass ich die „Weltliteratur“ und die „gute Musik“ kennen sollte. Während mein Vater weniger emotional meinte, wir hätten allen Respekt zu zollen einem starken, stolzen Volk nach dem, was wir denen angetan hätten. Näher ausgeführt hat er das nicht, er selbst war als Vierzehnjähriger vom Ruhrgebiet nach Rügenwalde evakuiert worden, um nicht gezogen zu werden in den letzten beiden Kriegsjahren.

Die Familie meines Vaters hatte das Glück, sich aus dem Krieg heraushalten zu können, denn mein Opa war kriegsversehrt vom ersten Weltkrieg und damit spielte der Zweite sich „nur“ in bitterer Armut bei meinen Großeltern und ihren drei Kindern ab.

Das eine verstand ich leidlich, weil es sich lesen und hören ließ, das andere nahm ich hin. Kinder nehmen hin was Eltern sagen und zu Nachrichten kommentieren. Wörtlich kann ich sicher nichts erinnern, atmosphärisch schon. Und da war schon bei meinen Eltern, von mir nie hinterfragt, die Neigung, gegen den allgemeinen Trend Russland positiver zu sehen als dies von offizieller, also öffentlich-rechtlicher Seite gewünscht war und die USA negativer; die übrigens erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren Allmachtsanspruch weltumspannend geltend machen konnten, während Russland eine jahrhundertealte und europäische (Kultur-)Geschichte aufzuweisen hat. So sehr Kulturbeflissene dies wissen mögen, so wenig wurde dafür Sorge getragen, dass dieser Schatz – der Markenkern – mit modernen Vermarktungsstrategien und Ideenreichtum fröhlich in die Welt kommuniziert wurde.

Ist es statthaft, einen Vergleich dieser Art zu betrachten und damit gnadenlos zu verkürzen? Ich meine ja, denn die wichtigste aller Vertriebsregeln lautet doch: Lerne Deine Konkurrenz kennen, lass das, was nicht zu Dir passt, weg und mach das, was sie gut machen, einfach besser. Im Geklapper um Aufmerksamkeit liegt hier ein Potenzial und bisher sicher ein Versäumnis.

Auf mich hat es sich so ausgewirkt, dass ich bis heute nicht in „drüben“ war, selbst jung dies nicht wollte und damit noch nie den Drang verspürte, der bei anderen so immens groß ist, in die USA zu wollen. Seit ich 17 war erhielt ich Post oder Berichte mit fast immer dem gleichen Tenor: Land super, vergiss die Leute. Alles Übertriebene ist mir fremd und alles Hysterische suspekt. Das ist Zufall. Zufall dieser Eltern, die lieber die kritischen politischen Kabarettsendungen der Sechziger guckten und selbst nachdachten als zu tun, was sie als Kinder und Jugendliche gesehen und erlebt hatten: Nachplappern, was grade en vogue ist. Das war ihnen suspekt. Immerhin hatte man ihnen die Jugend geklaut  und da war Obacht allemal eine gute Verhaltensweise. Dennoch swingten auch sie natürlich zu Satchmo, begrüßten Kennedy und tranken keine harten Sachen. In diesem Rahmen wurde ich groß. Dazu kam der Einfluss der so genannten 69iger Bewegung. In meiner Jugendzeit war es theoretisch möglich, die Welt zu retten, sich querbeet durchzulieben und sich alten Mustern und Drangsalen wie Obrigkeiten jeglicher Art oder Hierarchien zu verweigern. Das gab viel Energie für viele gute Ideen.

Die USA kamen mir mit vielen ihrer Moralvorstellungen dagegen heuchlerisch vor.

Und die UDSSR war irgendwie unzugänglich. Immerhin wurde Russland schon milder in größeren Teilen gesehen. Während ich Soziologie an der FU Berlin studierte, war Radio Eriwan lachend in aller Munde, Brandt öffnete emotional ein Türchen zwischen Ost und West und die russische Seele wurde intensiv mit tiefer Liebe von Gerd Ruge vermittelt. Dass Religion das „Opium des Volkes“ war, war für mich DIE Offenbarung schlechthin, denn Anfang der 70iger Jahre musste ich durch Versetzung meines Vaters im schwärzesten aller Teile Deutschlands als Protestantin zur katholischen Nonnenschule gehen, um dort mein Abitur zu machen. Eine Ausgestoßene, eine bedauernswerte Kreatur, eine Heidin – nicht wert sich drum zu kümmern. Aber das ist wieder eine eigene Geschichte hinsichtlich Prägung.

Kaum war der Satz „Die Russen kommen“ im Massengedächtnis verloren gegangen, hatte keine Schärfe mehr, da kamen sie dann doch und ganz anders als gedacht. Sie wurden geholt. Also russisch sprachige Menschen kamen in den 90igern in Scharen; kaum jemand weiß, dass es in Deutschland ca. 5 Mio. russischsprachige Menschen gibt. Aus allen Teilen der Ex-UDSSR kamen sie. Und wurden sehr oft eingedeutscht – der Ruf ging um, dass es reichte, dass der Hund der Großmutter aus Deutschland importiert war. Es ging relativ zügig und relativ problemlos auch mit der Eingliederung. Bis auf einige Jugendliche auf Identitätssuche, die vom Wege abkamen, aber wohl auch zu Hause kriminell geworden wären und ein paar Mafiabossen wie in der Düsseldorfer Altstadt, die den Sizilianern dort dann den Thron wegnahmen.

Denn Gorbatschow kam, die Deutschen waren sein größter Fan und ohne ihn hätten wir auch den Mauerfall und damit die Veränderung der Welt nicht bekommen. Natürlich ist der Mauerfall an sich gut und Deutschland konnte so einen Teil der alten Schuld durch Aufnahme dieser Menschen leisten. Und konnte eine Beziehung zu Russland aufbauen, anknüpfen an jahrhundertealte – kaiserlich-königliche – gute Verbindung. Inwieweit Russland froh war, die so genannten Russlanddeutschen los zu sein, kann ich nicht beurteilen, hat aber ggf. den Prozess begünstigt. Während die einen geglaubt haben mögen, eine Schuld abzutragen haben andere dies wahr-genommen als Versuch, Russland zu schwächen. Diese Versuche gibt es bis heute zu Hauf. Ähnlich wie mit der aktuellen Flüchtlingsdebatte ist immer die Frage zu stellen, wem was nützt.

Über meinen Sohn und eine seiner Klassenkameradinnen hatten wir ein paar Jahre engen Kontakt zu einer russischen Familie. Er, Arzt, Russe, sie, Tatjana, Georgierin. Eine feierfreudige, kluge und sehr aktive Familie. Ihre Mutter kam zu Besuch. Sprach kein Wort Deutsch. Ich kein Russisch. Wir gingen gemeinsam ins Ballett: Bolero. Himmlisch getanzt. Hinterher drückte mich Tatjanas Mutter und ließ sie übersetzen: „Anke, Du bist ein guter Mensch, aber bitte sag mir eines: Wir haben den Krieg gewonnen, warum geht es Euch so gut?“ Ich kann kaum sagen, wie ich mich dabei fühlte, auf jeden Fall nicht gut, aber eine (kurze und schnelle) Antwort hatte ich nicht. Sie wurde auch nicht erwartet.

Der beste und längste Lebensfreund meines Sohnes ist seit seinem dreizehnten Lebensjahr der Russe Albert. Diese Freundschaft hält seit zwanzig Jahren. Und ich denke gerne, dass es etwas besonders Russisches ist. Ob das nun stimmt und mehr an den beiden liegt, vernachlässigen wir einfach mal.

Die 90iger Jahre waren global ein Jahrzehnt der Rechtsfreiheit und Zügellosigkeit. Das gilt für Ost wie für West. Mit allseits dramatischen Folgen. In diesem rechtsfreien übernahm die Finanzwelt peu à peu die Weltherrschaft mit US-amerikanischem Siegel. Der Turbokapitalismus trieb auch im Osten seine Blüten, denn wo auf einmal, wenn nicht nach diesen „Spielregeln“ kam der märchenhafte Reichtum vieler her mit boomenden Metropolen wohin das Auge schaut. Opfer bei allem ist das Soziale. Wer an den Trog kommt, den interessiert keine Ideologie, sondern er macht sie sich zu seinem Vorteil zu nutze. Das ist die negative Seite des Megatrends Individualismus:

Die exponentielle Zunahme von Ego-Planeten ist unabhängig von der Regierungsform und grenzenlos. Überall.

Wie passt nun die neue Eiszeit mit Russland und das neue/alte Feindbild zum Westen? Ist es wirklich die Mehrheit der Deutschen, die so denken? Für die Mehrheit kann ich nicht sprechen, aber irgendetwas sagt mir, dass es wiederum nur ein kleiner Teil ist, der diese Entwicklung für richtig hält. Es ist auch nicht die Frage wie es passt, sondern wem. Wem es nützt und von was es ablenkt. Und wer es treibt. Wem nützt es vor allem, dass alles so „schön“ komplex und kompliziert geworden ist? Das mag an anderer Stelle thematisiert sein, fest steht für mich, dass eine Destabilisierung Russlands eine ausgemachte westliche, USA-getriebene Sache ist. Mit Deutschland als Büttel vorneweg. Details bleiben schöngeistigen Diskussionen vorbehalten.

Die russische Seele. Sie leidet. An sich, an der Schwere der Welt, an den USA. Das alles drei haben wir gemeinsam. Dennoch muss ich zugeben, dass ich nicht nur nicht in Nordamerika war – ich war bisher auch nur einmal im schönen St. Petersburg. Das es mehr wird, habe ich mir für die Rentenzeit in wenigen Jahren vorgenommen.

Düsseldorf, 05.01.2016

Anke Fabian, *1955, studierte Soziologie + Jura an der FU-Berlin. Ihr Wissen basiert auf fast 25 Jahre in der internationalen Werbebranche und der medialen Führung großer Konzerne. Dieses Wissen mündet seit 2006, dem Start ihrer Selbständigkeit, in der sie ihren Talentekanon  als Beraterin, Trainerin, Moderatorin ausleben kann. Mehr finden Sie unter www.inspirational-quality.de

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