Russlanddeutsche: Warum schaut man freiwillig „Propaganda“?

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[von Roland Bathon] Die großen deutschen Medien sind voll von Vorwürfen gegen die Kollegen aus Russland, die versuchen würden, mit Propaganda unter den in Deutschland lebenden Russlanddeutschen schlechte Stimmung zu machen (hier noch ein Video dazu). Die eigentlich für sie entscheidende Frage dabei stellen sie nicht: Warum informiert sich diese Bevölkerungsgruppe trotz deutscher Alternative aus Quellen, die die deutschen Journalisten selbst im Bezug auf Qualität und Meinungsvielfalt für deutlich unterlegen halten?

Der Draht nach Hause

Zunächst ist es eine normale Sache, dass bei Migranten mit ihrer Übersiedlung nach Deutschland der Draht in das alte Heimatland nicht abgeschnitten ist. Das gilt auch für den Medienbereich. Es gibt vielleicht lieb gewonnene Fernsehserien oder TV-Shows, die im früheren Heimatland weiter laufen und bei denen man sich freut, wenn man im neuen die Möglichkeit bekommt, sie weiter zu verfolgen. Auch wenn man dann vielleicht 10 oder 20 Jahre in der neuen Heimat lebt und die dortige Sprache beherrscht, bewahrt man sich dieses Stück von der alten Heimat und bestellt sich beispielsweise als Russlanddeutscher russisches Fernsehen über Satellit oder Kabel.

Eine Sache, die man aber spätestens nach dem Erlernen der Sprache des neuen Heimatlandes wohl nicht mehr machen würde, ist, im Newsbereich die eigene Information aus schlechteren Quellen des alten Heimatlands zu ziehen, wenn man den Eindruck hätte, dass Nachrichtenmedien im neuen besser und genauer arbeiten, objektiver oder unabhängiger berichten.

Hang zu Russlandmedien verstärkt sich

Die Ereignisse der letzten Woche, wie etwa der viel diskutierte Missbrauchsfall Lisa aus Berlin hat aber gezeigt, dass sich ein großer Teil der Russlanddeutschen und in Deutschland lebenden Russen sehr wohl noch aus russischen Nachrichtenmedien informiert. Mehr noch: Manche verbreiten sogar Informationen von dort in sozialen Netzwerken oder stellen sie sogar als glaubwürdiger dar, als die des deutschen Mainstreams. An der Sprache liegt es kaum, sind doch die meisten Russlanddeutschen bereits vor 10 bis 25 Jahren nach Deutschland gezogen.

Es ist offensichtlich, dass sie – obwohl sie beides aus eigener Erfahrung kennen – die deutsche Nachrichtenberichte den russischen nicht als überlegen ansehen. Gerade die Berichterstattung des deutschen Mainstreams über den Ukrainekonflikt oder den Syrienkrieg hat zu einer spürbaren, weiteren Distanzierung vieler Menschen von den deutschen Medien geführt, die auch die russische Sichtweise der Dinge kennen. Das gilt nicht nur für Russlanddeutsche, sondern ebenso für viele in Russland lebende einheimische Deutsche oder solche, die sich länger oder häufiger dort aufgehalten haben. Auch die deutsche Sicht wird von vielen als einseitig und nicht objektiv erlebt.

Qualitätsmedien beiderseitig Fehlanzeige

Das liegt übrigens nicht an einer hohen Qualität der Berichterstattung der Medien in Russland. Es ist gerade den Menschen, die das Land kennen, durchaus bewusst, dass vor allem die großen Staatsmedien dort nicht über das Weltgeschehen objektiv oder unabhängig berichten. Wobei man sich von dem in Deutschland vermittelten Bild verabschieden sollte, verängstigte Journalisten schreiben dort nur durch die Knute von oben regierungsgenehme Berichte – die große Mehrzahl von ihnen sind in all ihrer unbestreitbaren Einseitigkeit Überzeugungstäter. Unabhängige Umfragen über die Zustimmungsraten zur russischen Regierung belegen das und die sind unter dortigen Journalisten nicht viel niedriger, als in der Gesamtbevölkerung.

Genau hier ist der springende Punkt: Denn Überzeugungstäter sind die Kollegen in Deutschlands Großpresse genauso, wenn nicht noch viel mehr. Von der Richtigkeit ihrer Weltsicht unumstößlich überzeugt, immer das richtige Konzept für Russland (und den Rest der Welt) mit vollster Überzeugung aus der deutschen Werkzeugkiste präsentierend. Diese Überzeugung scheint aber auf den Teil des Publikums, dass Russland oder die russische Presse kennt, nicht überzuspringen. Vielmehr scheinen viele Medienkosumenten zwischen Deutschland und Russland überzeugt, dass beide Seiten einseitig aus ihrer Sicht berichten und man sich wohl am besten informiert, wenn man sich beide anschaut und das für sich realistische aussucht – auch wenn man dann einmal daneben liegen kann. Der Erfolg des mit Sicherheit weder ausgewogenen noch seriösen russischen Staatssenders RTdeutsch lässt sich schon alleine so erklären, denn er ist die Alternative für die, die kein oder wenig Russisch können.

Fehlende Selbstreflexion zeigt fehlende Überlegenheit

Wären die Journalisten der deutschen Medien den russischen gegenüber von ihrer Objektivität tatsächlich so überlegen, wie sie denken, müssten sie angesichts des Einflusses russischer TV-Sender auf die Russlanddeutschen eigentlich selbstkritisch hinterfragen, was sie in der Vergangenheit falsch gemacht haben, dass es soweit gekommen ist. Denn Selbstreflexion ist ein entscheidender Bestandteil von Objektivität. Stattdessen kommen von deutscher Seite fast durchgehend nur gleichlautende Propagandavorwürfe in Richtung des „Feindes“ im Äther und dem World Wide Web. Hier beweist jedoch dieser große Teil des deutschen Journalismus, wie wenig Überlegenheit gegenüber einem staatlichen, zentral gelenkten Medienimperium wie dem in Russland besteht.

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.