Ukraine und Russland blockieren gegenseitig LKW-Verkehr

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Streit auf dem Rücken von Spediteuren und Fernfahrern: Russische Lastwagen können nicht mehr durch die Ukraine fahren – und ukrainische nicht mehr durch Russland. Russischen Spediteuren ist momentan aber auch der Weg durch Polen verbaut.

Der Dauerkonflikt zwischen Russland und der Ukraine hat ein neues Feld gefunden: Nun blockieren sich beide Länder gegenseitig die Benutzung ihrer Straßen durch Lastwagen des jeweils anderen Landes. In der Folge können gegenwärtig mit russischen Lastwagen keine Güter nach oder aus Mitteleuropa transportiert werden – denn auch mit Polen gibt es im Bereich Straßengüterverkehr einen Konflikt, der Truckern aus beiden Ländern momentan die Einfahrt unmöglich macht.

Bleibt nur der Weg über die Ostsee – oder die Trucks von Drittstaaten

Russischen Transporteuren bleibt so gegenwärtig nur der teure Weg per Fähre über die Ostsee – ab St. Petersburg, Finnland oder den Baltikum. Sofern beide Konflikte nicht schnell beigelegt werden, wird das Logistikgewerbe sich für Transporte auf der Ost-West-Achse wohl in Kürze nur noch Spediteuren aus Drittstaaten bedienen: Vor allem weißrussische und litauische Transportunternehmen dürften aufgrund ihrer zentralen Lage profitieren.

Begonnen hat die Problematik mit einem verzwickten Streit zwischen Polen und Russland: Beide Länder konnten sich zu Beginn dieses Jahres nicht auf die sich gegenseitig zugebilligte Zahl der Einfahrtgenehmigungen für Lkw des jeweils anderen Landes einigen. Üblicherweise ist dies eine Pokerpartie zwischen den jeweiligen Verbänden der internationalen Spediteure, bei der nach langem Gefeilsche sich immer eine für beide Seiten akzeptable Kompromisslösung findet. Nicht so in diesem Jahr: Im Ergebnis ist seit dem 1. Februar für russische Spediteure die Benutzung polnischer Straßen nicht mehr möglich – und damit die Haupttransitroute zwischen Russland und der EU blockiert.

Umweg über die Ukraine wird zur Sackgasse

Russische Fernfahrer wichen deshalb verstärkt auf die Ukraine aus, um Polen im Süden zu umgehen – wobei die Ukraine als Transitland seit dem Ausbruch der Konflikte um die Krim und die Ostukraine aus Furcht vor Repressalien eher gemieden wurde. Die Zunahme der Lastwagen mit russischen Nummernschildern auf den Straßen Galiziens und vor den Grenzübergängen nach Ungarn und die Slowakei blieb im Westen der Ukraine nicht lange unbemerkt: Am Donnerstag letzter Woche begannen Nationalisten und patriotische Kampfgruppen mit der Blockade wesentlicher Straßenabschnitte an der Grenze zu Weißrussland sowie in den Karpaten. Alsbald blieben an einigen Grenzübergängen auch die Schlagbäume für russische Trucks einfach unten.

Wie du mir, so ich dir, so du mir, wie ich dir …

Ähnlich wie bei der Transportblockade der Krim und der Unterbrechung der Stromversorgung der Halbinsel auf ukrainischer Seite unternahmen die Kiewer und die jeweiligen lokalen Behörden nichts, um den freien Verkehrsfluss wieder herzustellen. Im Gegenteil: Die Aktionen der Nationalisten fanden einhellige Zustimmung.

Am Sonntag erklärte der ukrainische Verkehrsminister Pawel Klimkin, Russland könne nicht „einfach so“ seinen Gütertransit über die Ukraine abwickeln. Das einzige Zugeständnis von ukrainischer Seite war bisher nur die Öffnung eines Grenzübergangs, über den russische Lastwagen das Land in Richtung Weißrussland verlassen können.

Nachdem Appelle aus Moskau an die Ukraine, den Güterverkehr nich weiter zu behindern, fruchtlos blieben, verkündete das russische Verkehrsministerium am Sonntag, dass ab sofort und bis auf weiteres ukrainischen Lastwagen die Benutzung russischer Straßen verboten sei. Die Maßnahme gelte, solange die Ukraine nicht wieder freie Fahrt für russische Trucks gewähre. Nach Angaben der Tranportaufsichtsbehörde Rostransdadsor vom Montag wurden an verschiedenen Orten insgesamt 152 ukrainische Lastwagen gestoppt. Darauf reagierte wiederum die ukrainische Regierung und verkündete nun schon ein offizielles Fahrverbot für russische Lkw – nicht ohne Russland einen Verstoß gegen die WTO-Richtlinien und einen „einseitigen Bruch beidseitiger Regierungsvereinbarungen über den Straßengüterverkehr“ vorzuwerfen.

Ob der Logistikkonflikt in absehbarer Zeit gelöst werden kann, ist fraglich. Vermutlich wird er nun zu einem Dauerzustand und weiteren Aspekt der Ukrainekrise – so wie im Luftverkehr, wo sich die beiden spinnefeind gewordenen Brudernationen schon im letzten Jahr gegenseitig die Ein- und Überflugrechte annullliert haben.

[ld/russland.RU]

 

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.