Venedig tut es auch – Referenden sind schick

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[Eine Glosse von Michael Barth] Kiew/Venedig – Es hat sich also herum gesprochen. Unabhängigkeit und Freiheit, am besten noch selbstbestimmt, sind toll. Noch viel toller aber ist es im Moment, wenn solcherlei Umwälzungsbestreben von einem Referendum begleitet wird. Der Bürger hat das Gefühl mit einem Mal durch seine Stimme sehr wichtig zu sein und vor allem hört die Weltöffentlichkeit endlich einmal zu.

Bereits vor einigen Wochen hätte man die Ohren spitzen und die Lage ernst nehmen sollen. Die Zeichen der Zeit kündigten es deutlich an, als der vermummte und maskierte Mob die Lagunenstadt überrannte und zum Sturm des Markusplatzes rief. Wichtige strategische Punkte, wie zum Beispiel die heiß umkämpfte Rialtobrücke als Vorposten im Canale Grande, erlebten einen Menschenauflauf sondergleichen. Sogar mit Bussen wurden die Berufsdemonstranten an die Adria gekarrt, vornehmlich aus Deutschland und Österreich. Zu Fuß und auf dem Wasser zogen sie unbarmherzig in das Herz der Stadt.

Während die „friedlichen“ Demonstranten noch mit beschaulichen Gondeln in die Seeschlacht zogen, setzte die Gegenseite schon längst auf die motorisierte Flotte. Von Terror-, pardon Touristen gekaperte Ozeanriesen blockierten indes die Bucht vor den Toren der Lagune. Schon längst munkelt man, die plötzlichen verheerenden Wassereinbrüche seien das Werk von Geheimdiensten. Und U-Boote sieht man schließlich nicht, wenn sie unter Wasser liegen. Die Parallelen mit Kiew sind nicht zu übersehen. Auch in Venedig stand das Parlament, hier nennt man es Dogenpalast, plötzlich leer. Die Machthaber waren entmachtet, der Pöbel hielt Einzug.

Venetien sagt Basta!

Nun ist es also amtlich. Von heute dem 16.3. bis zum 21.3. wird in Venedig abgestimmt. Die Region Veneto mit der Zentrale Venedig will sich per Volksentscheid von der Allmacht Roms lösen. Vollmundig räumen sie sich vor Ort gar Überlebenschancen in der Autonomie ein. Zwei Drittel aller EU-Länder hätten weniger als zehn Millionen Einwohner. Von den Nachbarländern Venetiens haben Österreich acht, Slowenien gar nur zwei Millionen Bewohner. Die nun abtrünnigen Republiken Venetien und Friaul kämen zusammen auf etwa sechs Millionen Menschen, sagt Gianluca Busato, der Initiator der Referendumskampagne.

Zudem könne die Abwanderung von Unternehmen in das benachbarte Kärnten gestoppt werden, das dem Steuerdruck Roms Paroli böte. Lega Nord-Regionalgouverneur Luca Zaia stößt ins gleiche Horn: „Wir zahlen Rom 70 Milliarden Euro Steuern, neun Milliarden davon sind allein die Zinsen, die wir für die gewaltige Verschuldung Italiens zurückzahlen müssen.“ Die angestrebte Selbstbestimmung erlaube auch, das Geld auf lokaler Ebene zu verwalten, ergänzt Busato. Deshalb die entscheidende Frage: „Wollen Sie, dass der Veneto eine föderale, unabhängige und souveräne Republik wird?“

Anders als bei dem Gezerre um die Krim wäre sogar der legitime Weg des Verfahrens geklärt. Dieser führe über ein Referendum, das auf internationalem Recht basiert. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist im New Yorker Pakt über bürgerliche und politische Rechte aus dem Jahre 1967 verankert. Da die Einwohner Venetiens ja nun ein Volk sind,  hätten sie demnach auch das Recht auf Selbstbestimmung, erläutert Gianluca Busato. Außerdem könne sich die Region von Italien abspalten, weil sie einst nach einem Referendum an Italien angeschlossen wurde – Basta!

Aus soziologischen Umfragen geht hervor, dass sich weit über 60 Prozent, das sind immerhin zweidrittel aller Einwohner Venetiens, mit der Gründung eines unabhängigen Staates anfreunden könnten. Sie würden dann auch sofort nach einer positiven Abstimmung keine Steuern mehr an Rom zahlen. Damit verbunden wäre natürlich auch der Austritt aus EU und Nato. Und jetzt kriegen wir auch wieder die Kurve zur aktuellen Lage auf der Krim. Wie ginge es weiter in der Lagune? Wirtschaftliche Sanktionen seitens der Europäischen Union? Bomben und Raketen des Transatlantischen Bündnisses, abgefeuert von in Österreich stationierten amerikanischen Kampfjets, auf den Mercato de Rialto?

Das vollends zerstörte Rimini als Kollateralschaden um die Ecke? Wir können nur das Schlimmste befürchten, sollte es einer eiligst einberufenen unabhängigen Beobachterkommission nicht gelingen, die Fronten zu glätten. Und weil Referenden ja gerade so was von schick sind, lohnt es sich durchaus den Faden weiter zu spinnen. Was wäre wohl, ja was wäre wohl würde sich Bayern von der Bundesregierung lösen und seine Gebiete – aber das muss natürlich erst vorher durch ein Referendum geklärt werden – um das Salzburger Land und das schöne Tirol zu erweitern? Ja was wäre wohl…

Foto: M. Barth

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.