Vier Millionen Obdachlose in Moskau – Wo sind sie denn alle, wo sind sie denn hin?

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Das neueste mediale Horrormärchen kommt aus der Feder von „Euronews“: In der russischen Hauptstadt Moskau sollen vier Millionen Obdachlose leben, heißt es in einem Beitrag vom Wochenende. Und weil man ja ein seriöses Medium ist, wird auch die Quelle für die Megameldung beigesteuert: Der Moskauer Korrespondent von „Sky News“ will das gewusst haben.

Beim näheren Hinsehen stellt sich aber heraus, dass der von „mehr als 100.000“ spricht. Schlimm genug, aber schlimmer noch ist der Schlamp-Journalismus, der suggerieren will, in Moskau könne man kein Bein vor das andere setzen, ohne über einen Penner zu stolpern.

„Die Zahl der Obdachlosen in Moskau hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen, inzwischen sollen dort mehr als 4 Millionen Menschen auf der Straße leben“, heißt es in dem „Euro News“-Bericht. Diese Info enthält einen Link zu einer Radio-Sendung des WDR vom Herbst 2015. Da steht geschrieben: „Rund 4 Millionen Menschen in Russland sind obdachlos, die meisten davon in der Hauptstadt Moskau.“ Also sind es nicht vier Millionen in der russischen Metropole, aber immer noch fürchterlich viele. Wir wissen also, dass wir eigentlich gar nichts wissen. Nebulöse Faktenschieberei – professionell klingt anders. Und sowas von den (einst so, muss leider angemerkt werden) seriösen deutschen „Dritten“…

Ein Drittel der Moskauer hat keinen Unterschlupf?

Denn „vier Millionen“ sind doch arg viel. Selbst wenn man annimmt, die offizielle Statistik, die von über zwölf Millionen Einwohnern spricht, sei schöngefärbt. Mögen es 20 Millionen sein, wie Insider vermuten – die ganzen Kaukasier und Asiaten, die sich da rumtreiben und nicht gemeldet sind, mit eingerechnet. Selbst mit denen allen zusammen würde das bedeuten, dass ein Fünftel der aktuellen Einwohner der russischen Kapitale keinen Wohnsitz hat und sich auf der Straße herumtreibt. Auf Schritt und Tritt ein Penner – da ist kein Durchkommen mehr, da fällt man alle fünf Meter über die zusammengekauerten, frierenden armen Schweine am Wegesrand und in den Unterführungen.

Das Leben in Moskau muss unerträglich sein, sie können einem leidtun – alle zusammen, die „normalen“ Bürger wie die Tippelbrüder und -schwestern. Davon hätte man doch eigentlich schon mal früher hören müssen; es müssten angesichts dieses Elends doch längst Bilder um die ganze Welt gegangen sein. Zumal eine solche Situation den Russlandhassern doch wie gerufen käme – sie warten doch nur auf die nächste Schreckensmeldung aus dem Reich des Bösen.

Dummheit oder Absicht?

Aber jetzt zu den Fakten. Bei Sky News geht es um die Arbeit der Hilfsorganisation „Miloserdije“ (Barmherzigkeit), die sich um Moskauer Obdachlose kümmert. Da heißt es wortwörtlich: „Das ist sicher eine große Herausforderung. Manche NGOs nehmen an, dass mehr als 100.000 Menschen zurzeit auf Moskaus Straßen leben – obwohl die lokalen Behörden von einem Zehntel davon sprechen.“ Das kommt der Wahrheit schon näher. Grund für die wachsende Zahl seien die Wirtschaftkreise und die westlichen Sanktionen. Gegen diese Argumentation ist nichts einzuwenden.

Zum Schluss ein Blick in eine russische Quelle: Die „Nowaja Gaseta“ gehört zu den wenigen offen Kreml-kritischen Blättern und hat weithin einen guten Ruf. Dort ist in der Ausgabe vom 17. Januar zu lesen: „Die Zahl der Obdachlosen auf den Moskauer Straßen schwankt je nach Jahreszeit. Nach offizieller Statistik sind im Sommer 5.000 bis 6.000 Menschen unterwegs, im Winter sind es bis zu 16.000. Nach den Worten von Boris Tretjak, dem Leiter des Zentrums für soziale Adaption „Ljublino“, hängen die Schwankungen damit zusammen, dass Obdachlose im Sommer meist in Behelfsunterkünften leben und sich auf Baustellen oder Datschen Geld verdienen, wo sie auch übernachten. Im Winter wissen sie nicht, wohin.“

„Nowaja Gaseta“ vergleicht übrigens die Zahlen von Obdachlosen, die in früheren Jahren bei Eis und Schnee ums Leben kamen: „Im Herbst-Winter 2002-2003 starben auf den Straßen der Hauptstadt 1.223 Menschen, 2014-2015 waren es 57. Die Dynamik macht stolz.“ Was jetzt nicht heißen soll, es gebe kein Problem, und die Moskauer Nichtsesshaften hätten ein himmlisches Leben. Es soll lediglich heißen: Bitte keine Lügenmärchen verbreiten und ehrlichen Journalismus betreiben. Vielleicht hatte der „Euro News“-Reporter ja einfach einen schlechten Tag. Kommt vor. Komisch ist nur, dass sich diese „dummen Fehler“ so häufen in letzter Zeit.

[sb/russland.RU]