Vollbremsung: Russlands Automarkt um 36 Prozent geschrumpft

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Die Verkaufszahlen der Autobranche gelten in Russland als besonders aussagekräftiges Konjunktur- und Stimmungsbarometer. Das fatale Ergebnis von 2015 deutet auf allgemeines Jammern und Zähneklappern hin.

1,601 Mio. neue Personenwagen und leichte Nutzfahrzeuge wurden im letzten Jahr in Russland verkauft. Damit war 2015 das schlechteste Jahr für die Autobranche seit sechs Jahren. Gegenüber dem Vorjahr nahmen die Verkaufszahlen um 36 Prozent ab, ermittelte der Verband des Europäischen Business (AEB), der seit 2007 den russischen Automarkt detailliert analysiert.

Jörg Schreiber, der Vorsitzende des Autoindustrie-Ausschusses bei AEB, hegte bei der Vorstellung der neuen Zahlen auch keine große Hoffnung, dass das neue Jahr Besserung bringen wird: Er geht von einem weiteren Rückgang der Absatzzahlen um 4,4 Prozent auf ca. 1,53 Mio. Fahrzeuge in 2016 aus.

Nur noch halb so viel Autokäufer wie in den besten Jahren

Damit würde der russische Automarkt wieder auf das Niveau des Krisenjahres 2009 zurückfallen – und nur noch etwa halb so viele Fahrzeuge aufnehmen wie in den beiden bisher besten Jahren, 2008 und 2012. Damals wurden je etwa 2,9 Mio. neue Autos verkauft – und Russland war drauf und dran, mit seinem großen Nachholbedarf Deutschland (2015 nahmen dort 3,2 Mio. Käufer einen neuen Pkw in Empfang) als größten Automarkt Europas abzulösen.

Entsprechend eifrig investierten Autokonzerne aus aller Welt mit der Errichtung von neuen Werken und immer dichteren Vertriebsketten – und stehen heute mit nicht gefragten Überkapazitäten da. So machten die beiden VW-Werke über den Jahreswechsel vier Wochen Ferien, das Ford-Werk bei St. Petersburg sogar acht Wochen. Der in Russland besonders glücklos agierende GM-Konzern zog bereits im letzten Frühjahr die Notbremse und verkündete den Rückzug der Marke Opel und fast aller Chevrolet-Modelle vom russischen Markt. Ein für 450 Mio. Dollar aufgebautes Autowerk in St. Petersburg wurde dicht gemacht.

Verlierer-Marken büßen drei Viertel ihrer Verkaufszahlen ein

Opel unternahm daraufhin mit großen Preisnachlässen den Ausverkauf seiner Lagerbestände – und verabschiedete sich mit einem Jahresminus von 74 Prozent aus der russischen Verkaufsstatistik. Aber auch andere Marken, die vorerst noch am russischen Markt festhalten, mussten dieses Jahr Verkaufseinbußen im Bereich von 70 bis 80 Prozent hinnehmen: Dazu gehören die französischen Schwestermarken Peugeot und Citroen, die Geländewagen-Spezialisten SsangYong und Jeep sowie Honda.

Der Grund für die Zurückhaltung der Käufer ist naheliegend: Der schwache Rubelkurs zwang die Autohersteller, die Preise deutlich anzuheben – sei es für importierte oder in Russland hergestellte Fahrzeuge, bei denen ebenfalls ein beträchtlicher Teil der verbauten Komponenten aus dem Ausland stammt.

Hinzu kommt die Verunsicherung der Verbraucher durch die Krise: Große Anschaffungen – erst recht, wenn sie per Kredit finanziert werden müssen – überlegt man sich dreimal, wenn nicht sicher ist, wie die Einkommenssituation in absehbarer Zeit aussehen wird. Schreiber wagte dann auch keine zeitliche Prognose, wann der russische Automarkt wieder wachsen wird. Letztlich hängt dies am Ölpreis: Spült das Energierohstoff-Business reichlich Geld ins Land, kaufen die Russen simultan auch viele Autos. Beide Kurven korrelieren bereits seit Jahren sehr deutlich.

Nach Angaben der Analyseagentur Awtostat hatte der russische Pkw-Markt 2015 ein Volumen von 30 Mrd. Dollar – was nur die Hälfte des Vorjahreswertes ist. In Rubel gerechnet schrumpfte der Markt um etwa ein Viertel.

Porsche fährt gegen den Trend

Es gibt aber auch einen erstaunlichen Gewinner mitten in der Krise: Ausgerechnet die Nobelmarke Porsche konnte 2015 ihre Verkaufszahlen um 12 Prozent steigern. Die Premiummarken Mercedes-Benz, BMW und Audi schnitten mit Verkaufsrückgängen im Bereich von 15 bis 25 Prozent ebenfalls deutlich besser ab als der Markt insgesamt. Offenbar haben viele begüterte Menschen angesichts des drohenden Wertverfalls ihre Rubel-Reserven gerne in ein solides Auto made in Germany investiert.

Um 6 Prozent zugelegt hat auch Lexus. Zu den Gewinnern des Krisenjahres kann sich dank einer sehr defensiven Preispolitik aber auch noch der koreanische Hyundai-Konzern zählen, der mit seinen Hyundai-Modellen nur 10 Prozent und mit der Schwestermarke Kia nur 16 Prozent einbüßte – und zusammen etwa 325.000 Autos in Russland absetzen konnte.

Lada weiterhin Marktführer

Das ist mehr, als der Marktführer Lada mit seinen 269.000 Verkäufen (minus 31 Prozent) erzielte. Allerdings gehört der Lada-Hersteller Avtovaz inzwischen zum Renault-Konzern und betreibt mit dessen Marken Renault, Nissan, Dacia und Datsun inzwischen fleißig Badge-Engeneering – sprich, die Entwicklung mancher „neuer“ Modelle auf der Basis von anderen Autos aus dem Konzern.

Addiert man alle in Russland präsenten Renault-Marken zusammen, kommt der Konzern auf 512.300 Verkäufe – und damit einen stolzen Marktanteil von 31 Prozent. Auch das populärste Automodell Russlands kommt nach wie vor aus diesem Stall: Der Lada Granta fand 121.000 Käufer, wird aber inzwischen dicht verfolgt vom Hyundai Solaris.

Und apropos schwacher Rubelkurs: Das Granta-Basismodell ist in Russland gegenwärtig für 349.000 Rubel zu haben – umgerechnet 4200 Euro.

[ld/russland.RU]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.