Widersprüchliche Aussagen zu Absturz und Versicherungsfall

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In vollem Gange ist die Untersuchung der Ursachen für den Absturz der Boeing-737-800 der Gesellschaft FlyDubai beim Anflug auf den Flughafen Rostow. „Nachdem die beiden Flugschreiber geborgen wurden, hoffen wir, morgen mit der Auswertung beginnen zu können“, erklärte der russische Verkehrsminister Maxim Sokolow. An der Untersuchung des Unglücks könnten auch Vertreter des amerikanischen Flugzeugherstellers sowie des Triebwerk-Produzenten aus Frankreich teilnehmen. Am Abend teilte er im russischen Fernsehen mit, dass nach ersten Erkenntnissen die meteorologischen Bedingungen eine Landung durchaus ermöglicht hätten. „Der Flughafen arbeitete normal. Sowohl die Sicht wie auch die Windstärke erlaubten Starts und Landungen“, sagte Sokolow. Damit widersprach er der bis dahin favorisierten Version, der Absturz sei durch einen plötzlich auftretenden Fallwind zustande gekommen.

Nach letzten Berichten stürzte die Boeing 737 mit der Nase nach unten fast senkrecht zu Boden, das Trümmergebiet sei sehr zentriert – was immer man daraus auch schließen mag.

Inzwischen wurde die Liste der Absturzopfer konkretisiert. Unter den 62 Todesopfern sind 55 Passagiere, davon 44 russische Bürger, von denen 30 zu einer Touristengruppe aus Rostow gehörten, außerdem sieben Passagiere aus der Ukraine, zwei aus Indien und jeweils einer aus Usbekistan und Indien. Vier der im Feuer der explodierten Maschine Umgekommenen waren Kinder im Alter zwischen vier und neun Jahren. Der Mannschaft gehörten Bürger Russlands, Spaniens, Kolumbiens, Kasachstans und der Seychellen an. Der Flugkapitän war ein Grieche.

Während die Ursachen der Katastrophe noch geklärt werden müssen, haben die russische Versicherungsgesellschaft und das Reisebüro „Natalie-Tours“, über das die meisten Passagiere die Reise gebucht hatten, mitgeteilt, dass der Tod der Passagiere durch den Absturz kein Versicherungsfall sei.

Die Touristen hätten lediglich eine medizinische Versicherung gehabt, erklärte der Chef des Reiseveranstalters, Wladimir Worobjow. „Für den Todesfall sind unsere Touristen nicht versichert“, machte er deutlich, „dafür ist eine zusätzliche Unfallversicherung erforderlich.“ Deshalb sei die Kompensation Angelegenheit der Fluggesellschaft.

Auch der PR-Direktor der des Versicherers „Ingosstrach“, Karen Assojan, bestätigte, das die an russische Auslandsreisende standardmäßig ausgegebene medizinische Versicherung nur die Behandlung der russischen Touristen beinhaltet, jedoch keine Leistungen bei Unfallschäden, auch nicht solcher mit Todesfolge. „Wir haben alle Toten auf der Liste überprüft – keiner von ihnen hatte bei uns eine Unfall-Versicherung, weshalb es unsererseits keine Kompensationszahlungen geben wird“, sagt er.

Dem widersprachen Vertreter des Verbandes der Reiseveranstalter Russlands (ATOR): „Nach den vorläufigen Angaben ist der Fall von der Versicherung abgedeckt“.

Wohingegen der Chef der Dachorganisation Rosturism, Oleg Safonow, gegenüber TASS erklärte, dass, „leider, die (touristische) Versicherung den Tod bei den Flugzeugunglücken oder irgendwelchen anderen tragischen Ereignissen nicht abdeckt“. Allerdings, so Safonow, müssten in diesem Fall die internationalen Regeln greifen, wonach jeder Passagier, der sich in einem Flugzeug befindet, bei einem Absturz versichert ist. „Deshalb bin ich überzeugt, dass die Angehörigen der Todesopfer der Katastrophe eine Kompensation erhalten.“

Der Präsident der All-Russischen Versicherer Association (ARIA) Igor Yurgens erklärte, „dass in Übereinstimmung mit der verbreiteten Praxis der Luftfahrt-Versicherung, solche Flugzeuge für einen Gesamtbetrag von $600 Millionen versichert sind“.

„In diesem Betrag ist das Flugzeug selbst mit 25-30 Mio USD unter KASKO versichert. Der Rest wird je nach dem Inhalt des Vertrages verteilt: Zahlungen an geschädigte Passagiere und Zahlungen an Dritte, Zahlungen für die Flughafen und so weiter“, sagt Yurgens.

Auf Nachfrage sah sich die Fluggesellschaft noch nicht in der Lage, Angaben zur Höhe der Kompensation zu machen.
(Hartmut Hübner/russland.ru)

Über den Autor

Hartmut Hübner
Gelernter und sogar diplomierter Journalist. Nachdem ich im Ergebnis einer Fahrt auf einem Riesenrad von meinem ursprünglichen Wunsch, Pilot zu werden, endgültig Abschied genommen hatte, beschloss ich als, „rasender Reporter“ aus der ganzen Welt zu berichten. Als „Mittagspausen-Notenkoch“ im Schulfunk und Volontär bei der Berliner Zeitung „Junge Welt“ begann meine journalistische Karriere, die sich nach dem Studium als Verantwortlicher für eine Zeitung im sächsischen Gesundheitswesen, Pressesprecher an der Leipziger Sporthochschule DHfK und Redakteur an der Leipziger Volkszeitung fortsetzte, bis ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und ein freies Korrespondentenbüro in Moskau übernahm. Das war 1995 – und seither lässt mich Russland nicht mehr los.