ZDF-Putin-Skandal: Der Russe war´s

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[von Roland Bathon] Die Presseveröffentlichungen rund um die Vorwürfe gegen das ZDF, zentrale Teile seiner Reportage „Machtmensch Putin“ mithilfe von gestellten Inszenierungen gefakt zu haben, reißen nicht ab.

Vorgeschichte: Die Anschuldigung aus Russland

Ein Beitrag des russischen Fernsehens hatte behauptet, dass vor allem der Teil über die russische Beteiligung am Donbass-Konflikt auf einem Kronzeugen beruhe, der ein bezahlter Darsteller aus Kaliningrad sein soll. Im Beitrag sind insbesondere Passagen zu sehen, bei denen ein Checkpoint der Rebellen im Donbass simuliert werde. Der Originalbeitrag ist hier bei unserem ersten Artikel zu diesem Thema zu sehen. Auch weitere deutsche Nachrichtenmagazine wie der Stern berichten jetzt über die Vorwürfe.

Reitschuster: Behauptungen zur Entkräftung von Behauptungen

Stellung nahm auch der an der Dokumentation beteiligte frühere Focus-Russlandkorrespondent Boris Reitschuster auf seiner Facebook-Seite. Sein „Beweis“, dass die Vorwürfe aus der Luft gegriffen seien, bestehen jedoch nur aus einem Foto-Vergleich des besagten Kronzeugen Igor-Juri und dass dieser extra für die „Enthüllungsstory“ in Russland als inszenierter Alkoholiker dargestellt worden sei. Hiermit versucht er allerdings nur, eine Behauptung mit einer anderen  zu entkräften. Denn wie Igor-Juri „normal“ in Kaliningrad herum läuft und ob er im Gegenteil für das ZDF-Studio und zur Unterstützung seiner Glaubwürdigkeit  „aufgehübscht“ wurde, was ja bei Studioaufnahmen eines Kronzeugen nicht unbedingt unüblich ist, steht damit ja noch nicht fest. Durchaus denkbar ist, dass sowohl das ZDF Igor-Juri so positiv wie möglich als auch Rossija denselben Mann so herablassend wie möglich in Szene gesetzt hat, ganz nach der Vorgabe der eigenen Meinungs-Manipulation. Weiterhin verweist Reitschuster lediglich auf das vom ZDF veröffentlichte Rohmaterial – welches aber, wir wir schon berichtet haben, die entscheidenden Passagen aus dem „Donbass“ nicht enthielt. Denn hier finden sich im Rossija-Beitrag die Belege für im Moment der Aufnahme vorgegebene Texte.

Süddeutsche: Der Russe war´s

Einen anderen Weg zur Ehrenrettung der eigenen deutschen Kollegen geht die Süddeutsche Zeitung in einem Artikel. Angesichts der massiven Indizien bestreitet sie nicht generell eine Manipulation des ZDF-Beitrags, schiebt sie jedoch auf einen beteiligten, russischen freien Producer, der „unter Moskauer Kollegen keinen guten Ruf“ habe.  Die Süddeutschen vermuten, dass dem nichtsahnenden ZDF von den bösen Russen offenbar eine Falle gestellt worden sei. Die Süddeutsche folgt hier – ohne jeden Beweis für die tatsächliche Schuld – dem Muster, die „guten deutschen“ Journalisten seien natürlich der Manipulation nicht verdächtig, nur bösen Russen auf dem Leim gegangen. Welch rassistisches Element einer solche These ohne umfassende Untersuchung inne wohnt, entgeht den süddeutschen Journalisten komplett und sie zeigen mit ihrem Kommentar unfreiwillig deutlich, was das Problem der deutschen Russlandberichterstattung ist. Es existiert hauptsächlich im Bild des Landes in den Köpfen der Journalisten und in ihrem selbstherrlichen Eigenbild als „Vertreter der unbedingten Wahrheit“, anstatt offen und vorurteilsfrei Fakten als Fakten, Indizien als Indizien und Vermutungen gar nicht zu berichten. Die Frage nach dem Grund dieser fragwürdigen Mainstream-Solidarität stellt sich umso mehr angesichts der Tatsache, dass die ZDFler in ihrem Beitrag an anderer Stelle ja unzweifelhaft Bildern von russischen Soldaten suggerierten, wo keine waren und hier war der russische Producer am Schnitt wohl nicht beteiligt.

Düsteres Licht auf die Arbeit der Presse

So gibt es weiter eine gute Portion Trubel rund um die nicht nur bei der Frage der Faktenlage zweifelhafte Reportage des ZDF. Wie wir schon festgestellt haben, ist auch die Enthüllung der Enthüllung durch Rossija nicht frei von Fragen, insbesondere der nach der Herkunft des ZDF-Materials, das von den öffentlich-rechtlichen Journalisten wohl nicht zur eigenen Enttarnung zur Verfügung gestellt wurde. Natürlich könnte hier den deutschen Journalisten eine Falle gestellt worden sein, was aber keinen  Freispruch von eigener Schuld bedeuten würde, sondern auch eine Folge der eigenen Sensationsgier sein könnte, der Lust auf einen möglichst reißerischen Putin-Hetzer. Eine Auflösung am Ende, dass Kronzeuge Igor-Juri einfach zweimal für gewünschte Inhalte von großen TV-Sendern in Deutschland und Russland kassiert hat, halten wir nicht für unwahrscheinlich. Die Möglichkeit eines solchen Geschäftsmodells wirft ein düsteres Licht auf die aktuelle Presselandschaft rund um Russland, wo keine Fakten recherchiert, sondern vorgefertigte Meinungen untermauert werden. Erfolgreich ist diese Art des Journalismus übrigens beim Publikum nicht automatisch: Die Einschaltquote des Putin-Machwerks der Mainzelmännchen war unterirdisch.

 

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.